Елена Вайцеховская о спорте и его звездах. Интервью, очерки и комментарии разных лет
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Translations - Deutsch - Ringen
Alexander Karelin:
«DIE NACHZUEGLER BEKOMMEN DIE KNOCHEN»
Alexander Karelin
Photo© Sergey Kivrin
Alexander Karelin

«Wissen sie, er schont den Gegner manchmal», wurde mir in Barcelona von Michael Mamiaschwili, dem Olympiasieger von Seoul und dem Nationaltrainer unserer Ringer gesagt, nachdem Karelin im Finalkampf nach eineinhalb Minuten den zwanzigfachen schwedischen Meister, Thomas Johansson mit einem, meiner Meinung nach furchtbaren Griff von der Matte schickte.

- Wie bitte? - fragte ich.

- Er lasst sie nach Punkten verlieren und totet sie nicht sofort....

Bei der Pressekonferenz nach dem Olympiasieg von Karelin beobachtete ich mit Begeisterung, wie der Ringer meine auslandischen Kollegen auseinandernahm:
- Wann haben sie das letzte Mal einem auslandischen Ringer den Sieg uberlassen?
- Noch nie.
- Stimmt es, dass sie Gedichte schreiben?
- Ich wurde das, was ich schreibe nicht Gedichte nennen.
- Man sagt sie wurden bereits nach Hollywood zu Dreharbeiten eingeladen?
- Ja, das sagt man...
- Und haben sie schon einen Vorsprechtermin?
- Nein, noch nicht.
- Aber sie haben einen Manager?
- Ich denke nicht, da? diese Frage was mit den Olympischen Spielen zu tun hat.
- Aber wir durfen sicher nach der Rolle fragen, die man ihnen angeboten hat?
- Eine Warze im Gesicht von einem Dinosaurier...

Damals fuhrte ich ein Interview. Ein kurzes, so ganz unter Meistern. Und drei Monate spater sa?en wir in einem kleinen Zimmer des Hotels «Sport», aber das Gesprach wollte einfach nicht richtig in gang kommen und da Karelin meine innere Unruhe gespurt haben muss («Warum?») sagte er: «Ich kann ihnen nichts einreden. Sie wissen ja nicht schlechter als ich im Sport Bescheid».

Ich lachelte:

- Dann halt nicht uber Sport

- Sondern?

- Na, zum Beispiel... warum schneiden sie sich die Haare immer so kurz?

- Meinen sie – mit so einem Gesicht? Eine Zeit lang hatte ich Locken, ab und zu schnitt ich mir selber die Spitzen. Einmal hielt es mein Vater nicht langer aus und schickte mich zum Frisor – fur 10 Kopeken. Ich weinte sogar, ging mit einer Mutze zur Schule. Und dann, ich weiss selber nicht wieso, nahm ich auf einmal die Worte meines Vaters als gegeben: «Ein Mann sollte kurze Haare haben», seitdem andere ich meine Frisur nicht mehr. Und ich mag es uberhaupt nicht, wenn man mich fragt: «Ist das ein Teil von ihrem Image?».

Erstens, verstehe ich nicht wie es unter unseren Bedingungen ein Image geben kann. Zweitens, mag ich einfach keine auslandischen Worter. Wozu? In der russischen Sprache gibt es absolut alle Worter, um alles auszudrucken. Einmal habe ich es nach einer Fernsehsendung nicht ausgehalten, habe mich mit Worterbuchern eingedeckt und dort absolut alles gefunden, was ich wollte – Wirtschaftliche Ausdrucke und politische...

- Sie interessieren sich in Politik?

- Wer nicht?

- Ich zum Beispiel...

- Gehen sie in Geschafte?

- Naturlich.

- Haben sie sich da noch nie Gedanken daruber gemacht, da? die Verbindung zwischen Tresen und Parlament bei uns leider sehr kurz ist?

- Warum fahren sie dann nicht in ein anderes Land um zu trainieren?

- Ich will nicht. Mir gefallt es zu Hause. Aber mir gefallt das Wertesystem nicht, das uns das ganze Leben lang gelehrt wird. Da? man sich immer eingliedern mu?. Du musst dich in eine allgemeine Reihe stellen – und entsprichst allen anderen. Und wenn du dich irgendwie vom Rest abhebst, beginnen sofort alle zu reden: «Na sowas, der ist nicht wie alle anderen». Und jeder bemuht sich sofort, dich wieder zu einem Stereotypen zu machen. Daher auch unser sowjetischer Begriff: «Es gibt keine Nicht-beruhmte».

- Finden sie, dass es welche geben sollte?

- Naturlich. Aber zur rechten Zeit und am rechten Ort. Jeder Mensch hat mal seine Sternstunde. Ob er dann erfolgreich wird oder nicht, hangt jedoch nicht nur von ihm, sondern auch von den Menschen die ihn umgeben und unterstutzen ab. Und auch davon, wie er die Chance nutzt, die ihm das Leben gibt. Sehr oft ist der Mensch dafur einfach nicht bereit.

- Wie bewerten sie ihre Olympischen Siege? Als Chance, die sie nutzten, oder als gerechtes Ergebnis harter Arbeit?

- Meine Sportkarriere war von Anfang an ziemlich erfolgreich. Angefangen damit, dass mich die Trainer ausgerechnet im klassischen Ringkampf genommen haben, die Disziplin, wo ich die meisten Chancen hatte mich zu beweisen.

- Und was glauben sie, wie Ihr Image (Entschuldigung) in den Augen von anderen Leuten aussieht?

- Ich wurde sagen nicht meines, sondern das von allen beruhmten Sportlern – Grenzenlose materielle Unabhangigkeit. Ein Mensch ohne Probleme. Wie komisch es auch klingt, nur die Menschen die mir sehr nahe sind verstehen, da? ich genauso bin wie die anderen. Ich muss genauso einkaufen, kochen...

- Kochen sie gut?

- Ich koche gerade mal so, da? ich keinen anderen damit belasten mu?, aber ich kann ihnen sagen warum Manner die besten Koche der Welt sind.

- Warum?

- Weil fur eine Frau das Kochen zur Routine geworden ist. Wenn sich jedoch ein Mann hinter den Herd stellt – ich meine jetzt keine gewohnliche Eierspeise – dann ist es fur ihn in gewissen Weise Kunst.

- Dann fange ich an Parallelen zu ziehen: Ringen ist fur sie ja auch bereits Routine.

- Training – ist ein unendlicher Vorgang der Selbstverbesserung. Dieser Vorgang kann nicht zur Routine werden.

- Soll ich daraus folgern, da? Wettkampfe fur sie weniger attraktiv sind?

- Nein, sie sind nur der logische Abschlu? dieses Vorgangs und zeigen auch, um wieviel besser du damit fertig geworden bist, als die, die du besiegt hast.

- Und wenn man nicht gesiegt hat?

- Dann ist man halt Zweiter.

- Oder Zehnter?

- Das macht dann schon keinen Unterschied.

- Sagen Sie, war es fur Sie eine Tragodie, als sie 1987 das einzige mal in ihrem Leben einen Kampf verloren haben?

- Naturlich. Ich wei? nicht warum. Ich bin noch nie mit dem Gedanken «mein Platz ist der erste Platz» auf die Matte gekommen, aber damals gab es sogar Tranen. Ich war 19 und das waren meine ersten Landesmeisterschaften – ich hatte nicht einmal das moralische Recht so enttauscht zu sein. Aber ich war es. Der Wunsch Landesmeister zu werden stellte seit dem Wettkampf alles in den Schatten. Obwohl ich eigentlich vom ersten Tag an vom Weltmeistertitel traumte.

- Haben sie eigentlich nie ein schlechtes Gefuhl, da? Sie immer wieder so brutal sein mussen?

- Brutal?

- Konnen sie sich noch daran erinnern, wie sie mich in Barcelona gefragt haben, ob ich Ihren Finalkampf gesehen habe? Ehrlich gesagt bekam ich sogar eine Gansehaut wie Sie ihren Gegner fertiggemacht haben. Es war einfach ein Kampf zwischen Monstern...

- Aber wenn man schon so uberlegt, dann kommt man leicht zu dem Entschlu?, da? Sport im allgemeinen nicht gerade die besten menschlichen Eigenschaften zur Geltung bringt – Egoismus zum Beispiel.

- Wieso?

- Weil es einem Sportler egal ist, da? er nicht der einzige ist der gewinnen will - egal in welcher Sportart. Er will den Sieg und achtet dabei nicht auf die Interessen der anderen. Das ist eine vom Gesetz unterstutzte Erscheinung des Egoismus. In Wirklichkeit ist das jedoch ein geregelter Kampf, indem einfach der bessere gewinnt. Oder der Erfolgreichere. Jedenfalls hat es nichts mit Brutalitat zu tun.

- Wissen sie, das erinnert mich an das Buch des Olympiasiegers von Tokyo im Boxen – Waleri Popentschenko – «Und ewig der Kampf...», indem er uber die Gefahrlichkeit des Boxsports philosophiert und ihn auf einen der letzten Range einordnet. Gerade einmal, da? Schach davor ist. Ein Knock-out ist seinen Worten nach nichts anderes, als eine gewohnliche Ohnmacht.

- Wozu solche Nebensachlichkeiten? Ich bin weit von der Meinung entfernt. Jede Sportart auf professionellem Niveau ist schadlich und gefahrlich. Aber wenn zwei Menschen nach gewissen Regeln kampfen, haben beide die Chance zu siegen, oder besiegt zu werden. Das was auf der Matte passiert ist einfach sehr konzentriert. Im Allgemeinen ist unser ganzes Leben ein Kampf.

- Also das war jetzt ein sehr allgemeiner Begriff.

- Uberhaupt nicht. Was braucht ein Mensch? Essen, Trinken und einen Mann an der Seite. Oder einen Mann. Primitiv. Aber alle wollen in guten Verhaltnissen leben und in einem weichen Bett schlafen.

- Ich bin nicht der Meinung, da? alle das wollen.

- Alle! Nur mit kleinen Unterschieden – Der eine rackert wie verruckt um das zu erreichen und der andere sitzt da und wartet bis alles ihm alles zufallt und lastert dabei noch uber die Menschen, die was erreicht haben.

- Das ist leider unumganglich. Wenn man schon einmal hoch hinaus gekommen ist, mu? man damit rechnen, da? man von den Anderen verurteilt wird.

- Aber wieso? Wenn man im Ausland 200 km/h mit dem Auto durch die Gegend rast, redet keiner daruber. Alle wechseln einfach in die rechte Spur und lassen ihn vorbei. Wenn er einen Unfall bauen will oder einen Strafzettel bekommt – es halt ihn keiner auf, ist ja schlie?lich seine Sache. Nicht umsonst gilt es in manchen Landern als unangebracht uber die eigenen Probleme zu reden. Bei uns ist es jedoch ganz anders – es ist so gut wie unmoglich das eigene Leben von der Au?enwelt abzuschirmen. Obwohl es ja eigentlich gerade deshalb privat ist – weil es keinen etwas angeht. Ich personlich mag es uberhaupt nicht, wenn auf einmal Leute zu mir kommen und meine Aufmerksamkeit haben wollen – So, hier bin ich jetzt! Manchmal ist es total unmoglich einem zu erklaren, da? er hier nichts verloren hat. Dann mu? man unfreundlich und grob werden. Ich kann das aber einfach nicht. Verstehen Sie?

- Ich werde einfach das Gefuhl nicht los, da? Sie trotz ihrer au?erlichen Harte, eine innere Unbequemlichkeit verspuren mussen, wenn sie eben so grob und hart sein mussen... Habe ich nicht Recht?

- Ich habe es mir nicht ausgedacht: Der Starkste gewinnt und die Nachzugler bekommen nur die Knochen. Ich will so leben wie ich will. Wenn man dafur kampfen muss, dann kampfe ich eben. Wissen Sie, das wichtigste ist, was mir das Ringen gegeben hat, ist das ich keine Angst davor habe hart zu arbeiten. Ich habe einen Kopf und zwei Hande, und wenn ich alles verlieren sollte was ich habe, das ist nicht das schlimmste.

- Tun Sie sich selbst nie leid?

- Fruher manchmal. Aber heute finde ich, da? Schwache zeigen und uberhaupt den anderen sein Leid klagen das Letzte ist. Das schlimmste fur mich ware, ein Mensch zu sein, der Mitleid hervorruft. Wir Sportler reagieren auf Mitleid viel extremer als jeder andere Mensch. Wir beginnen zu denken, da? sich andere uber unsere Schwache freuen. Wir sind ja Menschen mit einer entzundeten Eigenliebe.

- Ist das schlecht?

- Das ist sehr gut!

1992

 

 

 

© Елена Вайцеховская, 2003
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